10 Jahre Windows 95 |
08/24/2005 |
Am 24. August 1995 wurden in den USA um Mitternacht
die Läden geöffnet und von den Käufern gestürmt, die den Verheißungen vom
völlig neuen Computergefühl glaubten -- in Europa erfolgte der Start der
lokalisierten Versionen etwas verhaltener im September und Oktober.
Einige Medien wunderten sich damals, warum
die halbe Welt Kopf steht. Tatsächlich war es ein Wunder, dass die halbe
Welt der Dauerwerbung von Microsoft glaubte, die im April 1995 einsetzte
und eine neue Welt versprach -- mit alten Bauteilen: ein 80386sx mit 4
MByte Arbeitsspeicher und 50 MByte freiem Festplattenplatz sollte nach
Microsoft vollkommen ausreichen. Wer es wirklich haben wollte, musste einen
486er-Prozessor, 8 MByte Speicher und eine riesige Platte mit 200 MByte
haben.
In der Realität sah es dann wieder etwas
anders aus: Windows 95 entfachte einen Upgrade-Boom sondergleichen und
bescherte der Hardware-Industrie satte Gewinne. In ihrer Verzweifelung
griffen Anwender zu Placebo-Software wie SoftRAM von Synchronys, die versprach,
den Speicher zu verdoppeln.
Fraglos etablierte Windows 95 den grafischen
Desktop auf vergleichsweise einfachen Rechnern und verdonnerte damit Apple
wie IBM (mit OS/2) zu einer Nischenexistenz. Die Ursache für diesen Erfolg,
mit dem Microsoft ein Monopol im PC-Bereich errichtete, findet man nicht
in Windows 95.
In seiner Analyse der siegreichen Microsoft-Strategie
macht der Software-Historiker Martin Campbell-Kelly andere Faktoren geltend.
Von 1983 bis 1995 habe Microsoft es verstanden, mit einer Reihe von Programmen
wie Multiplan, Word und Excel die Konkurrenz zu überrunden. Weil Microsoft
mit diesen Programmen den PC beherrschte, konnte die Firma den Schritt
mit Windows 95 wagen. Andere grafische Systeme (GEM, Geos) hatten nicht
den Hauch einer Chance, wichtige Konkurrenten waren mit den falschen Produkten
beschäftigt (Lotus mit 1,2,3 für OS/2), hatten eine katastrophale Version
veröffentlicht (WordPerfect) oder waren durch Verkäufe moralisch am Boden
(dBase bei Borland).
Doch Windows 95 hatte vom Systemdesign
her etliche Fehler. So bemängelte das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik
(BSI) den Wegfall des DOS-Programmes Mirror.exe und das Fehlen von Prüfsummencheckern,
mit denen Veränderungen an Programmdateien aufgespürt werden können.
Zur Einführung von Windows 95 veranstaltete
Microsoft eine Tagung, auf der das System DV-Leitern vorgestellt wurde.
Am Ende bekamen die Teilnehmer eine Preview-CD, von der 1000 Kopien in
der Microsoft-Geschäftsstelle Bad Homburg erstellt worden waren. Diese
CD enthielt eine Datei namens Inhalt.doc, die mit einem Winword-Makro-Virus
befallen war. Noch vor dem offiziellen Start war damit der erste Virus
unter Windows 95 an Bord, auch wenn es streng genommen ein Winword-Virus
war. Microsoft stufte ihn in einer Pressemeldung zunächst als "ungefährlich"
ein und empfahl den DV-Leitern, Windows 95 gründlich zu testen. Bis zum
Service Pack 2 für Windows XP nahm Microsoft die Bedrohung durch Viren
und selbstausführende Programmteile nicht richtig ernst.
Eine andere Bedrohung wurde zunächst nicht
wahrgenommen, dann aber umso heftiger bekämpft. Mit Windows 95 kam das
Microsoft Network (MSN), das den damals florierenden Online-Diensten Compuserve
und America Online den Garaus bescheren sollte. Basierend auf den Verkaufszahlen
von Windows 95 rechnete man in Redmond mit 800.000 MSN-Mitgliedern pro
Woche -- und verrechnete sind gründlich. Durch die mitgelieferten Winsock-Lösung,
die von Microsoft gepriesene "hardwareunabhängige genormte Schnittstelle
BSD Socket API for Windows" wurde ein Weg geöffnet, über so genannte
Provider das Internet zu betreten.
Etwas früher begann mit dem Webbrowser
Mosaic der Höhenflug einer ganz anderen Firma namens Netscape, die den
Navigator auf den Markt brachte. 1996 schmiss Bill Gates höchstpersönlich
das Steuer herum und ordnete die Entwicklung eines eigenen Browsers an.
Es brauchte dennoch mehrere Jahre, bis der Konkurrent Netscape erfolgreich
vom Markt gedrängt worden war.
Quelle: Heise.de



