OECD: Online-Musikgeschäft verlangt mehr Kreativität

06/14/2005


File-Sharing ist im Prinzip innovativ und die Aussichten fürs Online-Musikgeschäft 2005 gut. Zu diesem positivem Ausblick kommt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrer aktuellen Studie zum Online-Musikgeschäft. Ganz offenbar will man der sich nach wie vor in den Kampf gegen Piraten verbeißenden Musikindustrie einen sanften Schubs ins Netz der Möglichkeiten geben: Piraterie, meint OECD-Ökonom Sacha Wunsch-Vincent, könne nicht völlig losgelöst vom bestehenden Angebot auf dem Markt betrachtet werden. Dort ist laut der Studie erst im vergangenen Jahr mit der Ausweitung legaler Angebote ein echter Fortschritt bei den Online-Musikshops gemacht worden. Rund eine Million Tracks auf rund 230 Online-Angeboten verzeichnet die OECD. Ein grundsätzliches Verbot des Filesharing ergibt aus OECD-Sicht angsichts der wachsenden Geschäftsmöglichkeiten ebenso wenig Sinn wie das komplette Ignorieren des Piraterieproblems.  

Der 20-prozentige Rückgang der Verkaufszahlen im Musikgeschäft, so eine der Beobachtungen der Studie, lasse sich beispielsweise weder direkt und monokausal auf die beklagten File-Sharing-Angebote zurückführen. Der Rückgang der Verkaufszahlen rühre vielmehr wohl auch von der Vergrößerung des Unterhaltungsangebotes. Übrigens verzeichneten einige OECD-Mitgliedsländer nach wie vor stabile Verkaufszahlen. Angesichts dieser Analyse empfehlen die OECD-Ökonomen vor allem, dass sich Inhalteanbieter kreativ ins Online-Musikgeschäft stürzen. Auch die Verringerung illegaler Fileshare-Aktivitäten resultierten nicht einfach aus Klagewellen, sondern fallen auffällig mit erhöhtem Angebot und Preissenkungen bei legalen Online-Musikangeboten zusammen.

Die Studie, die vorab schon zu einigen Diskussionen mit den Piratenjägern der Musikbranche geführt hat, wirbt hoch offiziell für eine maßvollere Ausbalancierung der Interessen der verschiedenen Seiten. Gesamtwirtschaftlich könnten neben der Musikbranche auch Provider, Hardware-Hersteller und auch eine neue Klasse von so genannten Intermediaries (etwa Anbieter von Digital Rights Management) mitverdienen. Verbesserte Kooperationen zwischen Providern und Geräteherstellern (die heute schon am Musikdownload -- legal wie illegal -- verdienen) mit der Musikbranche seien ebenfalls empfehlenswert. Während de Recherchen zur Studie habe man eine solche Annährung durchaus feststellen können.

Bei der Ausbalancierung der Interessen von Nutzern und Anbietern gilt es laut OECD in der Zukunft vor allem auf eine stärkere Standardisierung und technische Interoperabiltät der Angebote zu achten. Zu viele inkompatible Formate und Hardware wirkten sich negativ aus. Eine Vielzahl interoperabler Inhalte mit kleineren, innovativen Anbietern werde den Markt eher beflügeln als vertikale Integration und Bindung an proprietäre Modelle. Vom ökonomischen Standpunk t aus mache ein proprietärer Standard möglicherweise zu Beginn Sinn -- doch aus Kundensicht nimmt, betont der OECD-Bericht, die Attraktivität mit der Zahl der Nutzungsbeschränkungen ab und kann dann nur über erhebliche Preissenkungen gerechtfertigt werden. An Systemen zum Digital Rights Management müsse ebenfalls noch weiter gearbeitet werden, sowohl mit Blick auf die Sicherheit für den Inhalteanbieter als auch mit Blick auf grundsätzliche Fragen von Nutzungsfreundlichkeit und Datenschutz.

Beim durchaus auch aus OECD-Sicht notwendigen Kampf gegen Piraterie wirft die Studie einen Blick auf unterschiedliche Möglichkeiten, von alternativen Kompensationsmodellen für Künstler in Form von Geräteabgaben über Mehrwertsteuer-Privilegien bis hin zur staatlichen Förderung von Künstlern, die sich ihrerseits durchs Online-Musikgeschäft umstellen müssen. Wunsch-Vincent sieht zwar neue Chancen für die Musiker, direkter mit ihren Fangemeinden zu interagieren. Es stelle sich angesichts der Veränderungen beim Musikkauf hin zum alleinigen Dowload der Top-Hits, was aus den kommerziell weniger durchschlagenden Werken werde. Durchaus positiv bewertet man bei der OECD Initiativen wie die kürzlich vereinbarte Zusammenarbeit zwischen französischen Providern und der Unterhaltungsindustrie, bei der die Provider Warnungen an ihre Kunden weitergeben sollen. Wenigstens mit solchen Empfehlungen kann die OECD die Musikbranche vielleicht ein wenig für den durchaus branchenkritischen Bericht versöhnen.

Quelle: heise.de

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