400 Millionen Euro für europäische Suchmaschine Quaero |
09/06/2006 |
Die deutsche und die französische Regierung
sowie die Wirtschaft wollen bei der geplanten Suchmaschine Quaero nicht
kleckern, um die Entwicklung von Basistechnologien für das semantische
Web voranzutreiben. Die Fördersumme werde sich voraussichtlich auf insgesamt
gut 400 Millionen Euro belaufen, erklärte Andreas Goerdeler, Leiter des
Referats "Multimedia" beim Bundeswirtschaftsministerium, am Rande
des Bitkom-Medientags am heutigen Dienstag in Berlin gegenüber heise online.
Allein die Bundesregierung will davon rund 90 Millionen Euro beisteuern,
wenn der Bundestag bei seinen Haushaltsberatungen die Finanzmittel freigibt
und die EU-Kommission keine Einwände hat. Mindestens genauso viel Geld
wollen die deutschen Industriepartner zur Verfügung stellen. Den zweiten,
nicht minder großen Teil des Budgets sollen der französische Staat und
Firmen aus Frankreich tragen.
Die Projektpartner haben sich Großes vorgenommen und können die finanzielle
Unterstützung gebrauchen. "Es geht um die Suchtechnologie der nächsten
Generation", gab DFKI-Direktor Wolfgang Wahlster in Berlin als Parole
aus. Quaero solle nicht nur "eine Menge Dokumente zurückliefern, sondern
präzise Antworten auf Fragen liefern". Dazu komme, dass die Antwortmaschine
beliebige Multimedia-Inhalte von Musik über Video-Clips bis zu Büchern
erfassen solle. Um dies leisten zu können, müssten noch grundsätzlich neue
Technologien bis zur Marktreife entwickelt werden. Unter der Konsortialführung
der zum Bertelsmann-Konzern gehörenden IT-Firma empolis haben sich hierzulande
neben Siemens und SAP auch mittelständische Unternehmen, Verbände, kulturelle
Einrichtung wie die Deutsche Bibliothek und diverse Forschungspartner von
der Fraunhofer-Gesellschaft bis zum Deutschen Forschungszentrum für Künstliche
Intelligenz (DFKI) dem Projekt verschrieben.
Laut Wahlster schwebt dem Quaero-Konsortium zur Verbesserung der Such-
und Indiziertechnik eine Verknüpfung der vergleichsweise willkürlichen
Verschlagwortung von Inhalten über "Social Tagging" bei Web-2.0-Diensten
wie flickr mit dem deutlich strengeren Katalogisierungsansatz des so genannten
semantischen Web vor. Wenn ein Hobby-Golfer eine Aufnahme seiner Sportart
in einer Foto-Community schlicht mit dem Begriff "Golf" kennzeichne,
würden dadurch gewisse Mehrdeutigkeiten etwa für Autofreunde bestehen bleiben,
brachte Wahlster ein Beispiel. Ein semantisches System würde dagegen die
Ambivalenzen erkennen und eine Klassifizierung nach verschiedenen Zusatzbegriffen
oder Kategorien empfehlen.
Einerseits solle so "das Chaos der Web-2.0-Technik in Ordnung gebracht"
werden, führte Wahlster aus. Andererseits würde der bislang zu stark hierarchiebezogene
"Top-Down"-Ansatz des semantischen Web aufgelockert. Technisch
wollen die Quaero-Entwickler vor allem auf den noch vergleichsweise jungen
Standard OWL (Web Ontology Language) setzen. "Die Struktur multimedialer
Elemente kann schon gut mit XML bearbeitet werden", führte Wahlster
aus. Die Inhalt-Erfassung habe sich aber schwierig gestaltet. Auch heute
noch hätte erst ein Prozent der Webseiten eine entsprechende "semantische
Annotation". Im Rahmen des Vorzeigeprojekts arbeite man so mit an
Verfahren, um die bestehenden Netzinhalte semi- oder vollautomatisch in
semantische zu verwandeln. Wahlster denkt dabei an spezielle Software zur
Bildanalyse, die beim Stichwort Golf zwischen einem Auto- oder Sportfoto
unterscheiden kann, bis hin zur Erkennung gewisser Genres bei Musikdateien.
Zur allgemeinen Charakterisierung der Quaero-Dienste führte Wahlster an,
dass "wir organisieren statt statistisch durchsuchen, die Bedeutung
von Prozessen berücksichtigen, interaktive, personalisierte Inhalte und
Dienste bereithalten und neue Märkte beflügeln wollen." In Deutschland
solle vor allem die Arbeit an Benutzerschnittstellen, intelligenter Dialogführung
und Visualisierung vorangetrieben werden. Als einen wichtigen Teil davon
bezeichnete der DFKI-Chef, einfach zu handhabende Systeme zum digitalen
Rechtekontrollmanagement (DRM) zu etablieren. Das Gesamtprojekt müsse auf
die geistigen Eigentumsverhältnisse "fokussiert" werden.
Grundsätzlich ließ Wahlster keinen Zweifel an der wirtschaftlichen Ausrichtung
des Quaero-Konsortiums aufkommen. So seien in dem 900 Seiten starken Projektförderantrag
an das Wirtschaftsministerium zahlreiche Geschäftsszenarien von Modellen
für das Krankenhaus der Zukunft und den schnellen Zugriff auf medizinische
Daten bis zur Digitalisierung der ebenfalls beteiligten Deutschen Bibliothek
ausgebreitet. Alle diese "Business Cases" seien "von vornherein
auf kommerzielle Nutzung ausgerichtet", da "alle beteiligten
Firmen Geld verdienen wollen" und keine reine Werbefinanzierung geplant
sei. "Wir sind nicht interessiert an Dingen," betonte Wahlster,
"wo wir sagen, das stellen wir jetzt zum Gemeinwohl ins Internet."
Gleichzeitig verwahrte sich der Forscher gegen die Darstellung von Quaero
in den Medien als "Anti-Google"-Allianz. Ein Ansatz "Kill
Google" wäre seiner Ansicht nach schon allein deswegen kontraproduktiv,
weil der gegenwärtige Suchmaschinenprimus noch im Web-1.0-Zeitalter verhaftet
sei. Zuvor hatte der französische Staatspräsident Jacques Chirac jedoch
die Ansage gemacht, dass es unerwünscht sei, wenn "Google alleine
die Informationen der Welt organisiert". Der Franzose konnte mit solchen
Stichworten im April 2005 Ex-Bundeskanzler Gerhard-Schröder von Quaero
überzeugen. Inzwischen ist das Vorhaben laut Wahlster Teil des geplanten
Regierungsprogramms Informationsgesellschaft Deutschland 2010 (iD2010)
und wird ausdrücklich im Rahmen der Hightech-Strategie des Bundeskabinetts
aufgeführt.
Quelle: heise



